Die schützende Rolle von Selen bei Infektionen und Traumata
Bei Infektionen und Traumata löst der Körper eine Reihe von Entzündungsprozessen aus, die auch mit Kaskaden freier Radikale und dem Risiko von oxidativem Stress verbunden sind. In solchen Situationen spielt das Spurenelement Selen eine entscheidende Rolle: zum einen als Bestandteil des Immunsystems und bei der Regulierung von Entzündungsprozessen, zum anderen als starkes Antioxidans, das Schäden an Zellen und Geweben durch freie Radikale entgegenwirkt. Hinweise deuten zudem darauf hin, dass ein Selenmangel das Risiko für Komplikationen oder schwere Krankheitsverläufe bei Influenza, COVID-19 und anderen Infektionen erhöht. Dasselbe gilt für Blutgerinnsel und körperliche Traumata. Umgekehrt kann eine frühzeitige Supplementierung mit Selen Komplikationen verringern, die Dauer des Krankenhausaufenthalts verkürzen und die Gesamtsterblichkeit senken, wie in einem kürzlich in der Fachzeitschrift Antioxidants veröffentlichten Übersichtsartikel hervorgehoben wird.
Die Aufgabe des Immunsystems besteht darin, Infektionen zu bekämpfen und Zellschäden schnell und effizient zu reparieren. Infektionen können durch Bakterien, Influenzaviren oder COVID-19 verursacht werden. Körperliche Traumata können infolge komplizierter Infektionen auftreten oder nach Verletzungen, Blutgerinnseln, Schlaganfällen und schweren Verbrennungen entstehen.
Wenn der Körper Infektionen oder Traumata ausgesetzt ist, initiiert das Immunsystem lokale Entzündungsprozesse, und weiße Blutkörperchen setzen verschiedene Zytokine frei, die diese Prozesse idealerweise sorgfältig regulieren sollen. Gleichzeitig werden zahlreiche freie Radikale gebildet, die Krankheitserreger wie Geschosse angreifen. Gerät die Entzündungsreaktion jedoch außer Kontrolle – etwa durch Zytokinstürme und Hyperinflammation –, besteht die Gefahr von oxidativem Stress, bei dem freie Radikale auch gesunde Zellen und Gewebe angreifen.
Schwere Infektionen wie Sepsis, Influenza und COVID-19 können beispielsweise ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS) sowie das Versagen anderer Organe verursachen. Insgesamt gelten Traumata als die zehnthäufigste Todesursache.
Schwerkranke Patienten leiden häufig an Selenmangel
Es ist gut bekannt, dass Vitamine und Mineralstoffe als Kofaktoren und Antioxidantien eine unverzichtbare Rolle spielen, indem sie freie Radikale neutralisieren, das richtige Gleichgewicht aufrechterhalten und oxidativem Stress vorbeugen.
Selen ist Bestandteil verschiedener Selenoproteine, die für die Leistungsfähigkeit und Kommunikation des Immunsystems während entzündlicher Prozesse von entscheidender Bedeutung sind. Darüber hinaus ist Selen Bestandteil einzigartiger Antioxidantien, der sogenannten GPXs, die freie Radikale neutralisieren.
Schwerkranke Patienten weisen jedoch aus mehreren Gründen häufig niedrige Selenspiegel auf. Erstens ist die Ernährung oft selenarm. Zweitens steigt der Bedarf an Selen während entzündlicher Prozesse und zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress erheblich an. Studien haben gezeigt, dass die Selenspiegel im Blut bei Patienten auf Intensivstationen innerhalb von 24 Stunden um 40–60 % sinken können. Beobachtungsstudien aus Intensivstationen haben außerdem gezeigt, dass niedrige Selenspiegel im Blut mit einem höheren Risiko für Komplikationen, längeren Krankenhausaufenthalten und erhöhter Sterblichkeit verbunden sind.
Selen-Supplementierung schützt vor Komplikationen und oxidativem Stress
Da Selenmangel so weit verbreitet ist, haben Forscher in mehreren Studien schwerkranken Patienten Selenpräparate verabreicht. Dadurch wird insbesondere die antioxidative Kapazität der GPXs gesteigert, was eine Vielzahl von Zell- und Gewebeschäden durch freie Radikale und oxidativen Stress reduziert.
Obwohl Studien hinsichtlich des Einflusses einer Selen-Supplementierung auf das Gesamtüberleben hospitalisierter Traumapatienten unterschiedliche Ergebnisse gezeigt haben, scheint eine frühzeitige Behandlung mit Selen vorteilhaft zu sein – insbesondere für Patienten, die bereits einen Mangel aufweisen.
Die Wirkung kann weiter verstärkt werden, wenn Selen mit anderen Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E und Zink kombiniert wird, die ebenfalls die allgemeine Immunfunktion unterstützen. Gemeinsam reduzieren Selen, die Vitamine C und E sowie Zink oxidativen Stress über mehrere Wirkmechanismen und durch synergistische Effekte.
Der neue Übersichtsartikel verweist auf mehrere Studien, die die Bedeutung der Prävention und Überwachung von Selenmangel unterstreichen. Eine Supplementierung mit Selen kann eine therapeutische Strategie für schwerkranke Patienten darstellen und sowohl die Dauer des Krankenhausaufenthalts als auch die Sterblichkeit senken. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass höhere Selendosen (300–800 Mikrogramm pro Tag) bei Traumapatienten die besten Ergebnisse liefern. Zudem ist es wichtig, dass die Selen-Supplementierung eine ausreichende Sättigung von Selenoprotein P – einem Marker für den Selenspiegel im Blut – sowie von GPX erreicht, das im Blut zirkuliert. Diese Biomarker können genutzt werden, um einen Mangel festzustellen und die Wirkung der Supplementierung zu überwachen.
Weit verbreiteter Selenmangel und tatsächlicher Tagesbedarf
Forscher richten ihr Augenmerk auf Selen, da Mängel in vielen Teilen der Welt weit verbreitet sind – bedingt durch selenarme Böden, intensive landwirtschaftliche Methoden und Ernährungsumstellungen mit geringerem Verzehr von Fisch und Innereien. In Dänemark liegt die offizielle tägliche Empfehlung bei 75–90 Mikrogramm, doch mehrere Studien legen nahe, dass etwa 100–150 Mikrogramm pro Tag erforderlich sind, um Selenoprotein P, GPX und andere Selenoproteine vollständig zu sättigen.
Wie erwähnt, steigt der Bedarf bei akuten Infektionen und Traumata zusätzlich an. Die obere tägliche Aufnahmemenge für Selen beträgt laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 300 Mikrogramm.
Quellen
Jae-Gil Lee et al. Selenium as an Antioxidant: Roles and Clinical Applications in Critically Ill and Trauma Patients. A Narrative Review. Antioxidants, 2025.
Yu-Cheng Chiu et al. The influence of early selenium supplementation on trauma patients: A propensity-matched analysis. Frontiers, 2022.
Simone Passarelli et al. Global estimation of dietary micronutrient inadequacies: a modeling analysis. The Lancet Global Health, 2024.
Das könnte Sie auch interessieren
Nach weiteren Informationen suchen...
- Erstellt am .

